Stand 7/1999 

             

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Themen & Kampagnen: Meere  

Der Klimawandel und die Korallenriffe

"Coral bleaching" - Korallenbleiche - was ist das?

Text von Greenpeace Stand 7/99

Ungefähr ein Viertel der Küsten der Erde sind von Korallenriffen gesäumt. Korallenriffe sind hochkomplexe Lebensräume mit einer sehr hohen Artenvielfalt. Außerdem stellen Korallenriffe natürliche Wellenbrecher dar und erfüllen somit eine wichtige Küstenschutzfunktion. Der Kalkzuwachs eines Riffes ergibt sich aus der Symbiose von einzelligen, gelbbraunen Algen, den Zooxanthellen und den Korallenpolypen.

Die Verletzlichkeit der Riffe wurde erstmals in den sechziger Jahren allgemein bekannt, als Massenansammlungen des Dornenkronen-Seesterns Acanthaster planci am Großen Barriereriff riesige Gebiete der Korallen abweideten und nur tote Kalkskelette hinterließen. Eine neue Gefährdung der Korallenriffe trat erstmals 1987 weitverbreitet - nämlich am australischen Great Barrier Reef, bei Hawai, den Fidschi-Inseln, den Malediven, den Bahamas, Jamaica, Puerto Rico und an anderen Orten - auf; das sogenannte "coral bleaching". Die Korallen erbleichen, d.h. sie stoßen ihre Algen aus, woraufhin das durchscheinende Kalkskelett sie weiß aussehen läßt. Bis die symbiontischen Algen die Polypen wieder besiedelt haben, vergehen Wochen; in dieser Zeit sind die Tiere in ihrem Stoffwechsel gestört und geschwächt, und viele sterben ab.

Schlimmer als je zuvor wurde dieses Phänomen im Jahr 1998 beobachtet, als es sämtliche Riffsysteme der tropischen Ozeane erfaßte. In bestimmten Regionen, wie im Indischen Ozean, starben ganze Riffsysteme ab.

Die vorliegende Studie gelangt zu folgendem Schluß: Intensität und Häufigkeit des Korallenbleichens werden sich weltweit weiter steigern. Am Ende dieser Entwicklung stünde die weitgehende Zerstörung der Korallenriffe in allen Weltmeeren. Bis zum Jahr 2100 wären die Korallen in den meisten Regionen verschwunden. Heutigen Schätzungen zufolge würden die Riffe Hunderte von Jahren benötigen, um sich zu regenerieren.

Der Verlust dieser empfindlichen Ökosysteme würde die in den meisten tropischen Meeren von Korallenriffen geschützten Küstenregionen schädigen und zudem für Tourismus und Fischerei Einnahmeausfälle von enormer Höhe bedeuten.

Professor Ove Hoegh-Guldberg, der Autor der Studie und einer der führenden Experten für das Korallenbleichen weltweit, arbeitet mit den anerkannten holländischen, australischen und britischen Klimaprojektionsmodellen, die auch von den Vereinten Nationen bei der Erarbeitung des Rahmenübereinkommens über Klimaveränderungen verwendet wurden. Durch die Kombination neuester Erkenntnisse der Klima- und der Korallenforschung konnte er das Schicksal der Korallenriffe bei weiterer Zunahme der Emission von Treibhausgasen vorausberechnen. Das Ausbleichen der Korallen folgt in allen Ozeanen demselben Muster.

Ursachen für die Korallenbleiche

Der vorliegende Bericht gelangt zu dem Schluß, daß der Anstieg der Meerestemperatur für die Zunahme von Intensität, Häufigkeit und Ausmaß des Korallenbleichens verantwortlich ist. Korallen sind sehr temperaturempfindlich und nur bei Wassertemperaturen zwischen 18° und 30° C lebensfähig.

In den letzten hundert Jahren hat sich die Wassertemperatur der tropischen Meere um 1° C erhöht; dieser Trend setzt sich mit einer Geschwindigkeit von 1°-2° C pro Jahrhundert fort. Das Ausbleichen der Korallen ist Folge des Anstiegs der Wassertemperatur. Meistens folgt darauf ein Massensterben. Kürzlich wurde festgestellt, daß die erhöhte Wassertemperatur nicht nur zum Absterben einzelner Korallen führt, sondern auch auch die Fortpflanzungs- und Wachstumsfähigkeit ganzer Korallenpopulationen beeinträchtigt.

Der weltweite Anstieg der Durchschnittstemperaturen ist - wie Wissenschaftler, die Vereinten Nationen und viele Regierungen mittlerweile erkannt haben - auf die zunehmende Emission von Treibhausgasen infolge der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas zurückzuführen.

Wie lange wird es dauern, bis die Riffe ernsthaft geschädigt sind?

Der Bericht zeigt auf, wie dringend das Problem des Klimawandels angegangen werden muß. Angesichts des gegenwärtigen und des projizierten Anstiegs der Meerestemperaturen wird die nächste Generation wohl keine gesunden Korallenriffe mehr zu sehen bekommen. Das Korallenbleichen wird in den nächsten Jahren immer häufiger und heftiger.

Ihren bisherigen Höhepunkt hatte diese Entwicklung Ende der 80er Jahre, als das Phänomen weltweit (großflächig über 30 Regionen verteilt) beobachtet wurde; unter anderem waren die Korallenriffe in Australien, China, Japan, Panama, Thailand, Malaysia, Indien, Indonesien, Kenia, Puerto Rico und Jamaika, die Philippinen, die Bahamas, Okinawa und das Rote Meer betroffen. Etwa ab dem Jahr 2020 wird diese Erscheinung alljährlich erwartet.

Das Great Barrier Reef an der Ostküste Australiens wird voraussichtlich ab etwa 2030 Jahr für Jahr von einer derartigen Katastrophe heimgesucht werden. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der der Anstieg der Wassertemperatur verläuft, ist im südlichen und mittleren Teil des Riffsystems in etwa 20 Jahren mit schweren Schäden zu rechnen. Weiter im Norden vollzieht sich die Erwärmung langsamer, so daß es dort bis zu zwanzig Jahre länger dauern kann, ehe das gleiche Schadensausmaß erreicht ist.

Global gesehen werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Riffe in einigen Regionen früher festzustellen sein als in anderen. Bei den Korallenriffen in der Karibik und in Südostasien wird es voraussichtlich etwa ab 2040 jedes Jahr zur Korallenbleichung kommen.

Können sich die Korallen nicht an höhere Wassertemperaturen gewöhnen?

Allem Anschein nach werden sich die Korallen nicht rasch genug auf die Veränderung der Meerestemperatur einstellen können. Es gibt keinen Beweis für die Behauptung, die Korallen würden sich an die vorhergesagten Temperaturänderungen anpassen, aber viele Hinweise darauf, daß das periodische Ausbleichen als Zeichen für eine Überforderung ihrer genetischen Anpassungsfähigkeit gesehen werden muß. Möglicherweise können sich Korallen tatsächlich an neue Gegebenheiten anpassen, aber dazu wären vermutlich lange Zeiträume erforderlich.

Was bedeutet das Korallensterben für den Menschen?

Die wirtschaftlichen Folgen dieser Veränderungen wären gravierend und würden Millionen Menschen betreffen, die von den Korallenriffen leben und profitieren. Der am schnellsten wachsende Wirtschaftszweig, der von den Korallenriffen abhängig ist, ist der Tourismus.

So hat etwa das australische Great Barrier Reef einen "touristischen Wert" von 1,5 Mrd. $ pro Jahr, bei den Riffen vor der Küste Floridas erreicht er 2,5 Mrd. $ und bei denen der Karibik etwa 140 Mrd. $. Die Karibik zählt Jahr für Jahr hundert Millionen Besucher, und dem US-Außenministerium zufolge werden bis 2005 allein die Sporttaucher 1,2 Mrd. $ zur Wirtschaftsleistung der Länder in dieser Region beitragen.

Auch die Fischerei trägt erheblich zum Wohlstand der Länder mit Korallenriffen vor den Küsten bei. Im übrigen hat der Fischfang in Gebieten mit Korallenriffen nicht nur finanzielle Bedeutung, sondern stellt auch für viele Menschen in den ärmeren Ländern der Erde eine wichtige Proteinquelle dar. In den Entwicklungsländern stammen 25 Prozent der Fangmengen aus der Umgebung von Korallenriffen.

Zwar werden die Korallenriffe auch langfristig nicht vollständig verschwinden, doch wenn der Erwärmungsprozeß ungebremst weitergeht, werden sie mindestens für die nächsten 500 Jahre ernsthaft geschädigt. Das hätte schwerwiegende Folgen und muß deshalb um jeden Preis verhindert werden.

Ist das Korallenbleichen eine natürliche Erscheinung?

Das großflächige Ausbleichen der Korallen hat in den letzten zwanzig Jahren breite Aufmerksamkeit gefunden, weil die Bleichungen, die riffbildende Korallen überall auf der Welt heimsuchten, immer häufiger auftraten und immer heftiger ausfielen. Seit 1979 verzeichnet die wissenschaftliche Literatur sechs große Bleichungen, die Tausende von Quadratkilometern erfaßten, und es gibt eindeutige Beweise dafür, daß solche Phänomene vor diesem Zeitpunkt bei weitem nicht so häufig aufgetreten sind.

Bis 1979 gab es weder von den Menschen, die an und von den Korallenriffen leben, noch von Wissenschaftlern Berichte über großflächiges Ausbleichen der Korallen. Bezeichnenderweise gibt es in keiner Sprache all der Völker, die seit Tausenden von Jahren mit Korallenriffen leben, ein Wort für diese Erscheinung. Das großflächige Korallenbleichen ist also offensichtlich überall ein neuartiges Phänomen.

Dieser Bericht beweist, daß der Anstieg der Meerestemperatur der Grund für das beobachtete großflächige Ausbleichen und Absterben der Korallen im Verlauf der letzten zwanzig Jahre ist.

Wer ist Professor Hoegh-Guldberg ?

Professor Hoegh-Guldberg beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Frage, warum Korallenriffe auf der ganzen Welt immer stärker unter Ausbleichungen leiden. 1994 veröffentlichte er einen Forschungsbericht zur globalen Erwärmung und zum Ökosystem Korallenriff. Dieser wichtige Bericht wurde auch von US-Vizepräsident Al Gore gelesen und war ein entscheidender Anstoß zur Gründung der U.S. Coral Reef Initiative.

Professor Hoegh-Guldberg hat einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis dieser gravierenden Veränderung in einem der wichtigsten tropischen Ökosysteme geleistet und uns neue Möglichkeiten eröffnet, dieser offensichtlich ernsten Bedrohung der Funktionsfähigkeit der Korallenriffe zu begegnen.

1999 erhielt Professor Hoegh-Guldberg für seine Arbeit zu den Ursachen des Ausbleichens der Korallen den renommierten Eureka Prize for Scientific Research der University of New South Wales.

copyright: Greenpeace

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