John Bennetts Reise in die Tiefe

John Bennett ist tot. Er starb bei einem Tauchgang am 15. März 2004.

"Wenn ich an eine Wand komme, will ich wissen, was am Fuß dieser Wand ist", sagte John Bennett einmal. Zur Erinnerung an seine Arbeit veröffentlichen wir auf getoese.de noch einmal die Übersetzung seines Erlebnisberichts.


Bennett hat viel in die Entwicklung des Techtauchens investiert. Er war nicht versichert. Um seine Familie zu unterstützen, hat eine Gruppe von Freunden einen Spendenfonds eingerichtet. Infos über die E-Mail-Adresse:
andy@atlantishotel.com
Außerdem wurde ein Erinnerungsvideo aus seiner Zeit in Puerto Galera, Philippinen, zusammengeschnitten. Die Erlöse fließen ebenfalls in diesen Fonds. Infos unter der E-Mail-Adresse:
andy@atlantishotel.com



Eine Reise auf 305 Meter Tiefe

Von John Bennett
Übersetzung: Olaf Will

Schon wenige Tage nach meinem Tauchgang am 6. Juni 2000 auf 254 Meter hatten sich meine Gedanken auf den ultimativen Tauchgang gerichtet. Der 305-Meter-Tauchgang, er war möglich. Daran hatte ich kaum Zweifel.

Am sechsten November wachte ich nicht wirklich auf, denn richtig geschlafen hatte ich nicht. Aber heute würde ich versuchen, 305 Meter zur erreichen. Ich fühlte mich seltsam ruhig und wusste, dass wenn ich es schaffen könnte, es heute passieren würde. Obwohl insgesamt drei Tauchgänge geplant waren, wusste ich, dass es heute oder gar nicht passieren würde. Ich hatte allen gesagt, dass es heute eine Probe, ein Aufwärmen sein würde, um der Sache ein wenig den Druck zu nehmen. Ich war so bereit wie ich nur sein konnte.

Ich sagte Gab und den Kindern, die noch schliefen, auf Wiedersehen und machte mich auf zum Tauchen. Das Team hatte unglaubliche Arbeit geleistet. Sie hatten endlose Stunden gearbeitet, und viel dieser Arbeit wurde mir erst später bekannt. Puerto Galera wurde schon seit langem als Zentrum des Tech-Tauchens in Südostasien betrachtet.

Aber heute sah es, wie eine Gruppe von Basen, von Mitbewerbern, zusammen arbeitete um des Tauchens willen: Atlantis Dive Resort, Lauguna Beach Club (LBC), Asia Divers, Action Divers, Captain Gregg's, South Sea Divers. Alle taten sich zusammen, um mich auf 305 Meter zu bringen. Am Atlantis traf ich mich mit einigen Leuten des Teams - unter anderem Andy Pope, einer ruhigen, treibenden Kraft hinter dem Erfolg. Er hatte es geschafft Joe, den Mediziner des Teams, mit nur einer Woche Zeit hierher zu bringen.

Ich konnte die Spannung des Teams fühlen, denn für sie würde es ein sehr harter Tag werden. Mark, Ron, Jorge und Axel waren schon dabei, die Ausrüstung zu verstauen. Ich begab mich zu der Stelle, als die Kamera und die Abstiegsleine verlegt wurden. Ich wechselte auf die Galera; Chuck, der Besitzer von Captain Gregg's, hatte wieder einmal enorme Hilfe geboten. Frank Doyle von LBC hatte nicht nur Stunden damit verbracht, Flaschen zu füllen, sondern auch so gut wie all sein Equipment und seine Boote zur Verfügung gestellt.

Ich checkte meine Ausrüstung, die beste, die man haben kann. Apeks Atemregler, OMS Wing und Tank, Otto Trockentauchanzug. Jede dieser Firmen hatte gezeigt, was "Commitment to diving" ist. Tony Gower war über die letzten Wochen eine Säule der Stärke geworden und mit Axel, Mark, Targa und Efren das Team geleitet. "John, du tauchst nur und überlässt den Rest uns!"

Ich entspannte mich an der Oberfläche und dachte an Exley, Bowden und Gomes. Wenn ihr Rekord gebrochen werden sollte, musste er auf die richtige Art gebrochen werden. Ich begann meinen Abstieg viel langsamer, als ich eigentlich vorgehabt hatte; ich erreichte den Gaswechsel auf 90 Metern nach 3 Minuten 45 Sekunden. Ich war zu langsam. Nach 120 Metern ging es schneller, ich passierte die Spare-Flasche auf 130 Metern, die Dunkelheit kam, und mit ihr die Kälte. Ich war zum siebenten Mal tiefer als 155 Meter, also war der Wechsel nicht so ein Schock.

Mein Abstieg zur Spare-Flasche mit dem Bottom-Mix auf 200 Metern verlief ohne Probleme. Ich konzentrierte mich auf meine Position im Wasser, auf meinen Luftvorrat und beobachtete mich auf Zeichen von HPNS (High Pressure Nervous Syndrome, Anm. d. Übers.). Als ich mich der 250-Meter-Marke näherte, durchlief mich ein seltsames Zittern. Ich war sicher schon am kritischen Punkt für Helium; an dem Punkt, an dem der Körper wegen des Heliums schneller Wärme verliert als er sie produzieren kann. Berufstaucher gleichen das normalerweise durch ein erwärmen des Atemgases aus, aber mit normaler Ausrüstung war diese Annehmlichkeit nicht machbar. An diesem Punkt, wie schon seit der 200 Meter-Marke, war die Wassertemperatur 4 Grad Celsius. John Womachs Otto "Extreme"-Trockenanzug war hervorragend und half auch bei einem anderen potentiellen Problem: dem Abstoppen am Boden.

Als ich die 275 Meter-Marke passierte, wurde das Zittern stärker. Meine Sicht verschwamm. Ich wusste, dass es HPNS war, aber es ging. Die TX 100er ließen sich hervorragend atmen. Ich hatte nie Zweifel an ihnen, wohl aber einen erhöhten Atemwiderstand erwartet, aber es gab keinen. Ich leuchtete nach unten, da war nichts, nur das Licht, dass im Dunkel verschwand. In der Ferne konnte ich die Lichter der Kamera sehen. Jongin Lee, ein Mitglied des Teams, hatte das Gehäuse gebaut, und zur Verwunderung von National Geographic funktionierte es. Das ferne Glühen gab mir ein Ziel. Ich wusste, ich war weit unterhalb der Tiefen von Jim Bowdens und Gomes.

Ich betätigte den Inflator, die Leine rutschte weiter durch meine Hand. Es dauerte ewig, das 100lb-Wing von OMS füllte sich langsam, aber die Leine rutschte immer noch durch. Jetzt, als das Licht näher kam, ließ ich auch Luft in den Trockenanzug. Ich wusste, dass die Leine abreißen konnte, wenn ich das Ende zu schnell erreichte. "Beruhig' Dich, John du wirst langsamer, also beruhig' Dich." Ich war an der Kamera, immer noch leicht negativ tariert, aber es ging. Ich überprüfte meinen Gasvorrat: Noch 100 bar, plus 180 bar in den 20 Liter OMS-Flaschen. Ich nahm die Tafel von der Leine und steckte sie ein. Dann sah ich nach unten. Dunkelheit. Ein Muskelzucken zog mich zurück, und langsam schwamm ich an der Leine empor.

Der Aufstieg schien ewig zu dauern, und ich wusste, dass ich hinter der Zeit war. Der Abstieg hatte zu lange gedauert, 4 Minuten für die ersten 100 Meter, aber dann war es ja schneller gegangen. Unter 150 Meter verschnellerte ich, aber er dauerte immer noch knapp 13 Minuten. Ich versuchte, eine Aufstiegsrate von 25 bis 30 Metern pro Minute bis auf 200 Meter ein zu halten. Ich passierte den 200 Meter-Tank, verlangsamte auf 15 Meter pro Minute, und legte, wie auf 175 Meter, einen kurzen Stopp von 20 Sekunden ein. Auf 150 Meter machte ich den ersten Gaswechsel und stoppte für eine volle Minute.

Als ich die Flasche aufdrehte, blies das Ventil wild ab. Ich nahm einen schnellen Atemzug und schloss es. Als ich nach unten sah, sah ich, dass es am Ventil lag. Dieses Ventil zum Atmen öffnend und schließend ging es langsam weiter bis auf 130 Meter. Zu sagen, dass es eine Erleichterung war, dort an zu kommen, ist untertrieben.

Ich befestigte schnell die Spare-Flasche und stieg weiter auf. Ron Loos, der auf 90 Meter auf mich wartete, sagte später, er habe eine riesige Wolke von Luftblasen aufsteigen sehen. Sie wussten bereits, dass ich spät dran war, und jetzt wussten sie auch, dass ich ein Problem gehabt hatte. Es kam mir wieder wie eine Ewigkeit vor, bis Ron und Mark auf 100 Meter abgetaucht waren. Plötzlich sahen sie mein Licht, und aufatmend stiegen sie wieder auf 90 Meter auf. Ich zeigte Ron die Tabelle, mit der ich arbeitete und machte mit dem Aufstieg weiter. Bevor ich die 90 Meter-Marke verließ, lies ich noch die Flasche dort zurück, die mir Probleme gemacht hatte. Auf 66 Meter erwarteten mich Frank Doyle vom Laguna Beach Club und Kfir Zorev.

Als ich diese Marke verließ, wurde ich von Vertigo überkommen, und einen Moment später wusste ich, dass ich mich übergeben musste. Die nächsten 10 Minuten verbrachte ich damit, mich zu übergeben und nicht zu wissen, wo oben und unten war. Nach einer Weile ging es mir dann besser. Ich überprüfte den Finimeter und sah, dass ich wegen des Übergebens mein Gas zu schnell verbraucht hatte. Ich blickte zu Frank und sah seine ruhigen Augen, Jahre daran gewöhnt, mit Problemen unter Wasser fertig zu werden.

Wir machten uns daran, langsam weiter auf zu steigen. Als ich 50 bar erreichte, versorgte mich Frank mit dem Long Hose - alle Mitglieder des Teams atmeten zu den Zeiten, in denen sie mich unterstützen sollten, dieselbe Gasmischung wie ich, also ergaben sich keine Probleme mit der Dekompression. Endlich wechselte ich auf den Deko-Tank, so dass Frank aufsteigen konnte. Ihn ersetzten Axel Lechward von Targa und der Sanitäter des Teams, Joe McIary. Joe unterzog mich sofort einigen neurologischen Checks, die alle gut aussahen. Später sagte er, er sei überzeugt, es sei nicht DCI, dehnte aber das Profil des Tauchgangs aus, um sicher zu gehen.

Zwischen weiteren Übelkeiten und Anfällen von Vertigo schien es mir keine tolle Aussicht zu sein, jetzt noch weitere acht Stunden im Wasser verbringen zu müssen. Im Gegenteil, an eine Zeit, in der es mir schlechter ging, kann ich mich eigentlich nicht erinnern.

Der geplante Ausrüstungswechsel auf 36 Metern lief wunderbar, viel einfacher als in den Trainingseinheiten. Das riesige OMS-20 Liter Dreifach-Pack, das mir am Boden so gute Dienste geleistet hatte, war ein Vergnügen. Wann immer ich mich selbst bedauerte, erinnerte ich mich daran, dass niemand mich gebeten hatte, diesen Tauchgang zu machen. Ich war freiwillig hier.

Die restliche Zeit war lang, langweilig und für mich sehr unangenehm. Das Vertigo lies nach, aber dafür musste ich mich phasenweise übergeben. Das wurde dadurch verstärkt, dass das Wetter sich verschlechterte und die Plattform begann, zu schwanken. Ich war verwundert, von den Gesichtern, die ich sah. Andere Instruktoren aus Puerto Galera waren gekommen, um zu sehen, ob sie helfen konnten, und niemand von ihnen erwartete irgend eine Gegenleistung.

Alle 15 Minuten wechselte ich für 5 bis 8 Minuten zurück auf ein 16/44er Trimix. Das machte ich auf 21, 12 und 6 Metern und linderte den Effekt des Atmens von Sauerstoff unter hohem Partialdruck über zu lange Zeit. Für meinen Aufstieg von 6 Metern bis zur Oberfläche brauchte ich etwa 90 Minuten. Kfir Zorev blieb während dieser Zeit bei mir.

Es war Nacht geworden, und das Team hatte eine Reihe von Lampen aufgestellt, was einen fast surrealen Eindruck machte. Es war hervorragend, auf zu tauchen und die Gesichter von Axel, Ron, Joe, Tony und den anderen Mitgliedern des Teams zu sehen, Es war vorbei.

Vertigo und Übelkeit kamen von einem Barotrauma im Inneren des Ohrs, dessen Grund ich immer noch nicht kenne. Ich hatte am Abend vorher ein klein wenig Fieber, aber nichts ernstes. Nachdem ich später etwas zu diesem Thema gelesen hatte, sah es wie eine Fistel im Innenohr aus, aber ich erholte mich innerhalb von zehn Tagen davon. Kann ich tiefer tauchen? Ja, dessen bin ich mir sicher. Aber das werde ich nicht. Es macht keinen Sinn, 305 Meter waren das ultimative Ziel. Ich kann mich nun neuen Herausforderungen stellen. Das Wrack der Yamashiro ruft...

Copyright:
Der Original-Text ist zu finden auf der Website des Tauch-Resorts
Atlantis Tech in Puerto Galera, Philippinen.
Dort finden sich auch weitere Infos zu John Bennett.

Olaf Will von taucher.net gestattete getoese.de, seine Übersetzung zu übernehmen.

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